Kultur nach Kant. Kantastisch!


Immanuel sei Kant!

Nach dem an vielen Universitäten bis zur Ohnmacht gelehrten Immanuel Kant (ich selbst konnte seine Biografie während des Philosophie-Studiums auswendig aufsagen) ist der Kulturbegriff irgendwie „zwecklos“ und auch seltsamerweise manipulierbar. In seiner Schrift „Über Pädagogik“ aus dem Jahr 1803, eine Zeit politischer, wirtschaftlicher und vor allem auch kultureller Revolutionen (siehe heute), beschreibt der aufgeklärte Königsberger „Kultur“ unter anderem so:

„Bei der Erziehung (…) muß der Mensch kultiviert werden. Kultur begreift unter sich die Belehrung und die Unterweisung. Sie ist die Verschaffung der Geschicklichkeit. Diese ist der Besitz eines Vermögens, welches zu allen beliebigen Zwecken zureichend ist. Sie bestimmt also gar keine Zwecke, sondern überlasst das nachher den Umständen.“

Interessant! Kant, ein Vordenker, wenn es um die zwischenmenschliche Interaktion ging, sagt damit, dass Kultur nichts weiter ist, als das reine Erlernen von Geschicklichkeit und das auch noch ohne jeden spezifischen Zweck. Diese Geschicklichkeit hat ihren Zweck seiner Meinung nach darin, dass spätere Umstände es für einen bestimmten Zweck definieren. Später sagt er, dass eine Geschicklichkeit ,,das Lesen und Schreiben“ ist oder gar die ,,Musik, um uns beliebt zu machen“, die leider aufgrund ihrer ,,Menge der Zwecke (…) gewissermaßen unendlich“ ist. Für Kant ist somit der Kulturbegriff ein Kompetenzbegriff, also ein erlernbarer Begriff.

,,Lern´ du lesen, dann bist du kultiviert.“ oder so ähnlich. Klar, Manieren und Verhaltensweisen waren zu Anfang des 19. Jahrhunderts geprägt von Etikette und strikten Regeln, die wir heute als überzogen, steif und unauthentisch empfinden, aber der Kulturbegriff Kants ist zu gewissen Maßen gar nicht so weit entfernt von dem, den wir gebrauchen.

Kultur zu verstehen als etwas, das man erlernen und durch den jeweiligen Kontext der Ausübung für einen bestimmten Zweck erklären kann, ist mehr als aktuell und kann auch durchaus nachvollzogen werden. Selbstverständlich sind Kants „Geschicklichkeiten“ für uns nicht gleichzusetzen mit „Lesen und Schreiben“, aber vielleicht mit solch universellen und austauschbaren unternehmenskulturellen Botschaften wie: ,,Wir kommunizieren klar und deutlich mit eindeutigen Ich-Botschaften“ oder ,,Wir respektieren einander und sprechen offen und ehrlich über Probleme“?

Kultur im kantianischen Sinn ist eine Unterweisung einer erkenntnistheoretischen Fähigkeit. Einer Fähigkeit, die anhand unserer Sinnesorgane wahrgenommen werden kann. Stimme ich überein! Wenn ich dir das Lesen beibringe und du nach erfolgreichem Erlernen einen Text vorlesen kannst, kannst du die einzelnen Buchstaben erkennen und zu Worten formen und ich die ausgesprochenen Worte hören und anschließend verstehen. Leuchtet ein. Übertragen wir das auf unsere heutigen Unternehmenskulturen, ist das allerdings nicht mehr ganz so einfach.

Halten wir fest: Kant war krass unterwegs! Er hat schon damals verstanden, dass Kultur etwas ist, was man sich aneignen kann, dass Kultur etwas ist, was einen Lehrer braucht. Kultur ist etwas, was je nach Zweck einsetzbar und leider auch dementsprechend zum Negativen nutzbar ist. Kultur ist für Kant etwas, das mit Fähigkeiten gleichzusetzen ist und gleichzeitig keinen speziellen Zweck im Voraus benötigt.

So weit entfernt von dem zeitgenössischen Verständnis eines Kulturbegriffs ist er gar nicht gewesen unser alter Freund Immanuel.