Talentgewinnung = Kultur?


Unternehmenskultur vs. Talentgewinnung

„Unternehmen wir eine Kultur“  könnte das optimistische Motto eines jeden Employer-Branding-Spezialisten lauten. „Unternehmen wir eine…“, ja, was ist denn eigentlich eine Kultur auf Unternehmensebene und wie wird diese sichtbar für jene, die fühlen wollen, was da hinter verschlossener Tür ausgeklügelt und anscheinend gelebt  wird?

Eine Unternehmenskultur zu entwickeln und zu kommunizieren ist der wohl angenehmere Teil einer solchen „Unternehmung“. Spezielle, darin manifestierte Werte und Kernbotschaften zu transportieren, zu schulen und ohne mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Nicht-Auswendigsager zu zeigen, ist allerdings eine gänzlich andere. Ganz erheblich zeigt sich die Diskrepanz einer theoretisch erarbeiteten und einer operativ angewandten Unternehmenskultur in der modernen Talentgewinnung. Die talentiertesten, flexibelsten und dazu noch entwicklungsbereitesten Menschen auf dem vielfach diskutierten deutschen Arbeitsmarkt mit einer einzigen XING-Nachricht zu finden und zu binden, scheint eine isolierte Darstellungsform der Unternehmensführung  zu sein, die es oft selbst einzuhalten nicht gänzlich im Stande ist. Die Erfahrungen zeigen: Unternehmenskultur(en) werden meist durch Geschäftsführer und Beteiligte des oberen Managements optimistischer eingeschätzt, als es das mittlere oder das untere Management de facto macht. Das könnte zum Einen daran liegen, dass das Top-Down-Modell hier nicht zum Transport von unternehmenswichtigen Infos oder Führungsleitbildern erfolgt, sondern zu einer Art kommentarlosen Auftragsweitergabe á la „Stille Post“. Zum Anderen könnte es daran liegen, dass Mitarbeiter des unteren und des mittleren Management einen sagen wir mal „anderen“ Teil des Kuchens des Unternehmenserfolgs genießen dürfen. Genau dieser „andere“ Teil des Kuchens ist in den Augen und Köpfen der Unternehmensleitungen intrinsischer Motivationsantreiber, talentierte Fachkräfte an Bord zu holen! Aber sind wir einmal ehrlich zu uns selbst: Kann man mich mit einer lieblos dekorierten Margarine-light-zuckerfrei-Torte oder doch eher mit einer Butter-Sahne-Cremé-Torte vom Ofen hervorlocken?

Talentgewinnung ist meiner Meinung nach Ausdruck einer offen verstandenen, auch nachfragenden und kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Firmenkultur. Kulturen haben die Angewohnheit, sich zu verändern, soziokulturell wie auch wirtschaftlich. Also wäre es doch ein taktischer Schachzug, diese Veränderung anzunehmen und in Kommunikation umzuwandeln? In Kommunikation mit denen, die die Talentgewinnung verantworten. Talentgewinnung bedeutet, sichtbar und transparent machen zu können, weshalb man einen bestimmten Unternehmenswert vertritt, egal auf welcher Management-Ebene. Sollte es nicht vielleicht sogar so sein, dass der Recruiter allumassender Ausdruck einer gelungenen Unternehmenskultur ist? Vielleicht schon, denn Talentgewinnung erfolgt genau hier. Deshalb sollte der Schlachtruf lauten: Unternehmenskultur for Talentgewinnung!