Auf ein Neues, Altes und Genutztes!

Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt. Die meisten Menschen existieren nur. — Oscar Wilde

Um sich persönlich und auch nachhaltig entfalten, entwickeln und sich selbst stellen zu können, braucht es viel. Es braucht wenig und es braucht viel. Im Hogrefe Lexikon der Psychologie schreibt Melanie Neumann, dass

Selbstentwicklung als grundlegendes Bedürfnis des Menschen bezeichnet werden (kann), das zu sein, was man in Wahrheit ist, und nicht das, was man hat sein sollen oder müssen.

Ein Bedürfnis zu haben ist uns allen bekannt, ist uns fast schon lästig, wenn man daran denkt, dass man unleidlich wird, wenn man hungrig, durstig oder müde ist. Was, wenn aber dieses Bedürfnis nicht zu stillen ist, wenn ein Schluck Wasser, ein Snack oder ein paar Stunden Schlaf nicht mehr ausreichen, um dieses Bedürfnis zu befriedigen?

Ich selbst kenne dieses Bedürfnis nur zu gut, mich selbst ständig und auch konstant spüren zu wollen, mich zu jeder Zeit und in jedem Kontext selbst verwirklich zu können. Ob das möglich ist, möchte ich gar nicht diskutieren oder diagnostizieren: vielmehr treibt es mich dazu, das im Wechselspiel mit den äußeren Bedingungen anzusprechen und eine Art „Selbstanleitung“ dafür einzusetzen.

Ein Bedürfnis materiell zu stillen, leuchtet ein. Ein Bedürfnis,welches immateriell ist und eben auch immateriell zu stillen ist, dagegen weniger.

Selbstverwirklichung kann als ein reflektierender und/oder therapeutischer Prozess beschrieben werden, das eigene, individuelle bzw. «wahre» Selbst zu entdecken und zu entwickeln.

Okay, das setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Ein Prozess widerspricht der eigenen Ungeduld, das kann weh tun, unangenehm werden und quälen. Mir ist das oft zuwider: ich handle, also bin ich, also will ich Ergebnisse sehen! Nein, so leicht funktioniert das nicht und das spüren wir auf die unterschiedlichste Art und Weise aufgrund der Reflektion unserer Umwelt.

Geduld ist nicht nur eine Tugend, sondern unabdingbar, wenn es darum geht, die eigene Selbstverwirklichung anzupeilen. Ich erkenne immer mehr, dass es nicht nur äußere Dinge, Gegebenheiten oder Situationen braucht, sondern, dass die

Basis der Selbstverwirklichung ein sukzessives, prozesshaftes Bewusstwerden und Verstehen des eigenen Selbst ist, das heißt des Handelns, Denkens, Fühlens und Körpererlebens durch (…)Körpertherapie, Coaching und/oder durch Selbsthilfe-Technik.

Ja, wir müssen uns wirklich kennenlernen wollen, müssen wirklich genau da eindringen, wo wir die größten Mauern gebaut haben, müssen genau da ansetzen, wo es leider am meisten weh tut. Das mache ich und das kann schmerzen.

Ich mache das, indem ich herausfinde, welche Momente, welche Menschen und welche Gegebenheiten mir ein gutes Gefühl geben. Das mache ich auch, indem ich spüre, welche das Gegenteil bewirken und wie ich diese beeinflussen kann. Ich lerne mich kennen, jeden Tag, jede Nacht und es gefällt mir.

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Bildquelle: http://www.bcbayern.de/index.php/selbstwahrnehmung.html

Gute Schwäche oder dumme Stärke?

Eine gute Schwäche ist besser als eine dumme Stärke (Charles Aznavour)

„Du bist nicht der Einzige“…möchte man sich zurufen, wenn es darum geht, dass man eine bestimmte Schwäche an sich feststellt und direkt damit startet sie ausmerzen zu wollen. „Ich kann einfach nicht nein sagen“ hat sich in Bewerbungsgesprächen zum Dauerbrenner herauskristallisiert. „Ich bin perfektionistisch…manchmal ein wenig zu sehr“ lanciert direkt dahinter auf Platz 2.

Schwächen als „gut“ zu bezeichnen ist schon fast blasphemisch, vertraut man auf Recruiting-Ratgeber der vergangenen Jahre. Stärken dagegen als „dumm“ zu bezeichnen opportunistisch und naiv, fast schon selbstzerstörerisch. Doch der Bereich dazwischen ist immens groß und lässt unglaublich viel Platz für Wertungen, Interpretationen und Selbstkritik.

Man braucht oft Monate, gar Jahre, um sich im beruflichen Leben zu positionieren, selbst kennenzulernen und auch herauszufinden, was man an sich selbst als Stärke bzw. Schwäche definieren könnte. Dabei bemerken die wenigsten, wie viel Selbstlüge sich hier einschleicht und man wie der Ochs vorm Berg steht und geflügelte Wörter nutzt, um sich selbst einen bestimmten Charakter zu geben und sich in Worthülsen verliert.

Schwächen besitzen wir alle, Stärken dagegen auch. Nur welche würde Aschenputtel ins Töpfchen, welche ins Kröpfchen werfen?

Es hat viele Jahre gedauert bis ich feststellen musste (dann durfte), dass Idealismus keine Schwäche per se ist. Dass Idealismus zwar eine riesige Angriffsfläche bietet scheint jedem einzuleuchten, dass es allerdings eine Lebenseinstellung ist, die einem Leichtigkeit und Vielfalt verleiht, das geht des Öfteren im Berufsalltag unter. Idealismus ist Freiheit, meiner Meinung nach, Dinge zu wagen und zu glauben, die vergessen schienen. Idealismus ist eine Ansichtssache, die es einem erlaubt, Dingen nicht nur einen positiven Grundton zu verleihen, auch ermöglicht es einem, die Welt und den beruflichen Kontext darin „auf die leichte Schulter“ zu nehmen.

Nein, damit meine ich nicht, dass man sich blind und stumm in tiefe Knechtschaft stürzt, sondern vielmehr, dass man den Dingen Chancen gibt, eine Schwäche sein zu dürfen, die einen nicht in der Substanz schwächt. Schwächen sind subjektiv wahrnehmbar: des einen Leid ist des anderen Freud´ sozusagen und das dann in Perfektion.

Schwächen sind gut, sind sie hilfreich, das Selbst- und Fremdbild der Welt zu malen. Schwächen sind gut, wenn es darum geht, herauszufinden, was man wirklich investieren kann und auch will und sie sind so lange gut, wie sie sich reinigend anfühlen. Stärken sind dagegen natürlich nicht universell dumm, sie unterstützen nur oft den Mauerbau des eigenen Geistes und schwächen Schwächen.

Ich halte nichts von Konzern-Floskeln wie „Stärken stärken und Schwächen schwächen“…ich halte allerdings viel von der Umkehr von Denkmustern und der präventiven Arbeit eines ausgereiften Schwächen-Konzepts. Ich denke, dass es im beruflichen Kontext darauf ankommen sollte, Schwächen als solche anzuerkennen und sie passieren zu lassen. Ja, ein wenig Herdplatte spielen und abwarten, wie oft man sich daran verbrennt. Ich glaube daran, dass Schwächen charakterbildend sind und dass wir uns nicht einreden lassen sollten, sie würden uns in unserer Produktivität hindern.

Ich glaube daran, dass meine Schwächen Teil meiner Selbstkritik sind, gleichzeitig aber auch ausschlaggebend für den Stolz, den ich verspüre, wenn ich über jede einzelne Schwäche nachdenke.

Euer stark-schwacher M

(Bildquelle:http://entwicklung-der persoenlichkeit.de/selbstkonzept)

(M)Eine Ich-Kollision: Schmerz- aber wertvoll!


Es gibt Momente in deinem Leben, da bleibt dir nichts anderes übrig, als dich dem Moment hinzugeben.

Es gibt wiederum Momente in deinem Leben, da solltest du dich hingeben und den Ausgang schlicht und ergreifend abwarten.

Du hast alles versucht, du hast dein Ganzes gegeben, hast deinen gesamten Mut zusammen genommen, hast dagegen angekämpft, irgendwann sagen zu müssen, du bereust es.

Auch wenn dieser Blog dazu bestimmt ist, im beruflichen Kontext Situationen aufzuzeigen, die beschreiben sollen, wie man „unternehmenskulturell kollidieren“ kann, nutze ich ihn jetzt, um ein Stück Ich-Kultur zu beschreiben.

Ich möchte diese Zeilen mir selbst widmen, meinem Mut, meiner Wut und meiner oft komplizierten Idee des „Glücklich-Seins“. Ich habe eine schmerzhafte Erfahrung machen müssen und mache sie noch und ich will sagen können, dass ich darunter leide und sie ich gleichzeitig stark werden lässt. Ich habe bereits einmal erwähnt, dass ich mich oft ausschließlich über meinen Beruf identifiziere, dass ich oft versucht habe, meinen ganzen Selbst-Stolz daraus zu entwickeln. Dass das – und die Menschen, die mich kennen und das hier lesen wissen das – für mich persönlich falsch war und ist, spüre ich jetzt intensiver denn je. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich Menschen um mich herum weiß, Freunde, Kollegen und Bekannte, die mir schnell positive Eigenschaften zusprechen. Manchmal schneller, als mir lieb ist und ich selbst beeinflussen kann.

Auch dieses Mal passierte das. Dass das allerdings auch ins Gegenteil umschlagen kann, das durchdringt gerade jede einzelne meiner Synapsen und scheint ein Prozess der erneuten Selbsterfahrung zu werden. Stimmt übrigens, das hört nie auf:-(

Grenzerfahrungen können auch sein, dass für einen klitzekleinen Momente dein ganzes Weltbild ins Wanken gerät durch einen Menschen, der dich nicht kennt, der glaubt, dich erforscht zu haben, der glaubt, dich provozieren und dadurch bewerten zu können und zu müssen. Nur zu leicht rät man einem Freund, dem so etwas widerfährt: „Der hat dich nicht verdient“…das mag der eine oder andere Leser auch aus einem anderen Kontext kennen. Viele Grüße an die beste Freundin, die einen aufzubauen versucht:-)

Stimmt, richtig, vööööllig nachvollziehbar…wäre man nicht gerade derartig tief verletzt, dass man an sich keine einzige dieser positiven Eigenschaften, die man als Trost „geschenkt“ bekommt, an sich erkennt, weil alles so verdammt emotional und verschwommen ist. Es ist so unglaublich schwer für mich zu akzeptieren, dass Personen über so wahnsinnig wichtige Eigenschaften wie Motivation, Begeisterungsfreude und Ehrgeiz „entscheiden“ dürfen oder es zumindest so annehmen. Können Sie, hart aber wahr. Dürfen sie aber irgendwie nicht. Einfach und auch wahr. Trotzdem trifft es so sehr, so in die Mitte, so tief! Das würde ich alles gelten lassen, wenn da nicht dieser Funke Überzeugung in mir wäre, der mir sagt, dass ich ganz einfach nicht Schuld bin. Ich gehe so weit, mir selbst einzugestehen, dass ich weiß, dass ich es nicht bin!

Ich würde es gelten lassen, wenn ich überzeugt davon wäre, ich hätte meine „Ich-Kultur“ nicht verstanden, wenn ich es sehen würde, dass ich willentlich Misszustände und Unmut herbeigeführt hätte.

Ich kann das also nicht akzeptieren. Ich muss es aber. Das ist schwer. Und dann wiederum ist es sehr einfach, denn ja, ich habe alles gesagt und getan, was ich konnte, was nicht immer in meinem („vereinbarten“) Rahmen zu sein schien, ich tat es trotzdem. Ich tat es, um frei zu sein von negativen (Schuld)-Gefühlen, frei von Reue und diesem schrecklichen und durchdringenden „Hätte ich doch nur“. Ich sehe mich selbst als Person, die idealistisch und zugleich gezwungen rational agiert. Ich sehe mich manchmal so, manchmal so. Ich sehe aber auch Personen, die zu keinem Zeitpunkt eine dieser beiden Seiten ausleben können oder auch wollen. Und das tut weh. Das tut der ganzen „Ich-Kultur“ weh. Es gibt diesen Moment derzeit in meinem Leben, dem ich mich irgendwie hingeben muss, auch wenn ich gerne Herr über meine eigene Ich-Lanschaft bin. Ich sollte mich diesem Moment hingeben, solange es nur ein Moment bleibt. Und ja, es macht stärker, aber leider nimmt er auch ein kleines Stück Idealismus von mir. Ich werde es überleben. Stärker. Wissender. Ohne es zu bereuen!

Euer MJN.